21
Januar

mitschuetteln

 
Erstmal
Hallo, schön dass wenigstens Sie noch da sind. Und beruhigend, dass auch Sie noch Herrn Stubenzweig und Herrn Dhonau in Ihrer Blogrolle anführen. Letzterem geht es gut, das kann ich bezeugen. Herr Prieditis ist inzwischen hoffentlich bei mala fide eingezogen und da so glücklich, dass wir ihn nicht mehr zu sehen bekommen. Doch auch bei Phom ist es mucksmäuschenstill. So gelten nun alle Grüsse Ihnen.

Und schön, dass Sie das mal erwähnt haben. Ich hatte das ja vorwiegend aus der Ferne und von gelegentlichen legalen Grenzübertritten mitbekommen, wobei meiner letzter etwas unheimlich geriet, als ich zufällig mit einer Fluchtwilligen in Ostberlin zu lange am Wein genippt hatte, um es noch rechtzeitig zurückzuschaffen. Die Stunde Verhör durch die nicht sehr erbauten DDR-Grenzer war 'eindrucksvoll' und der viele Wein dabei nicht sehr hilfreich.

Davon abgesehen, dass es nicht sehr freundlich ist, das Volk hinter einem antifaschistischem Schutzwall zu positionieren, fand ich das Erschreckende an der Volksrepublik, dass die Stasi scheinbar so tief ins Volk hineinwachsen konnte. Nicht die Aktivitäten selbst, die im Vergleich zu den amerikanischen Geheimdiensten geradezu antiquarisch erscheinen, sondern das Gefühl, das mich übrigens auch in Kuba verfolgt hat, nicht einem einzigen Nachbarn trauen zu können. Im Vergleich zu Kuba hat sich dieses Gefühl bei meinen DDR-Besuchen glücklicherweise nicht bestätigt.

Ich bin mit Sicherheit kein Freund der DDR gewesen, die es nicht zuließ, dass meine Liebe zu besagter Fluchtwilligen ihre Erfüllung fand. Trotzdem kann ich verstehen, dass ein Herr Holm Offizier der Volksarmee wurde (das wars doch, oder?), wie eben der ehemalige RAF-Anwalt Schilly den Schilly Katalog durchdrückte, oder ein Herr Fischer nie wirklich aus dem Steineschmeissen herauskam, von Frankfurt bis Jugoslawien. Ich finds nicht gut, aber leider menschlich, allzumenschlich.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf das beeindruckende Interview mit Odfried Hepp verlinken, das doch den ein oder anderen Blick hinter die Kulissen gibt. Dennoch fehlen mir Hinweise auf Taten der Stasi, die der Versenkung des Greenpeace-Schiffes Rainbow Warrior durch den französischen Geheimdienst, den Untaten der chilenischen DINA oder einer Ursupation des italiensichen Staates durch die Loge 'Propaganda Due' (Licio Gelli/Stefano della Chiaie) gleichkämen.

Besonders absurd wirkt die einseitige Verteufelung der Stasi, wenn man sich die internationalen Verwicklungen der Organisation Gehlen, später BND, im anderen Deutschland betrachtet, wo einem durchaus der Gedanke kommen könnte, dass das Dritte Reich nie aufgehört hat zu existieren.

Aber das Herabreden oder Verteufeln kennen wir ja zu Genüge. Wenngleich ich nicht die andere Seite gutreden möchte, glaube ich, dass die politische Klasse der USA auch schon vor Herrn Trump verdammenwürdig war und die Gewalt in der Ukraine und Syrien nicht nur russischen Ursprungs ist. Bei solchen Einseitigkeiten handelt es sich vorwiegend um das Ablenken von der eigenen Unfähigkeit und den eigenen Verbrechen. Zur Zeit kommt das in der BRD immer mehr in Mode, so dass mir unsere Medien inzwischen fast wie eine gleichgeschaltete Propagandamaschine vorkommen. Und das ist wirklich ekelhaft und teuflisch.
 
Trotzdem kann ich verstehen, dass ein Herr Holm Offizier der Volksarmee wurde (das wars doch, oder?)

Nein, der Herr Holm war Offizier der Staatssicherheit. Bei der Einstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Humboldt-Uni hat er auf dem Fragebogen aber verneint, jemals hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter gewesen zu sein - und sich hinterher mit Erinnerungslücken herauszureden versucht. Und natürlich behauptete er, niemandem damit geschadet zu haben. Es war das übliche Verschweigen, Leugnen und Herumgedruckse, das man inzwischen von hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit schon zur Genüge kennt.

Und wie ein Gleichaltriger Andrej Holms Entscheidung sieht, Offizier der Staatssicherheit zu werden, können Sie bei Herrn Klagefall nachlesen.

Ich kenne auch einige Leute, die als 14-Jährige es bei diesen Verpflichtungsgesprächen abgelehnt hatten, Zeitsoldat zu werden - wissend, dass sie damit ihre Chancen auf EOS und Studium in den Wind schreiben konnten. Die mussten dann Berufsausbildung mit Abitur machen, einer davon in Espenhain, einem der dreckigsten Orte der DDR. Danach haben sie ihm trotz Einser-Abi immer noch keinen Studienplatz zugestehen wollen. Ein anderer hatte Glück, als er seine Berufsausbildung mit Abitur abgeschlossen hatte, war es auch mit der DDR vorbei. Ein Dritter wurde nach dem Grundwehrdienst Lokführer. Der wäre auch gern zur Uni, wollte aber keinen Tag länger bei der NVA dienen als nötig.

Nein, Andrej Holm ist kein Opfer.
 

hallo einemaria. danke, daß sie auch noch da sind :-)

es ist eben kompliziert. manchmal habe ich gedacht, der schalck-golodkowski hätte sich kaputt gelacht. am tegernsee, wo sonst auch.

danke für den link frau arboretum. aber, ich finde jedoch, die verhältnisse waren mindestens verworren. einfach war es jedenfalls nicht. es auf die formel bringen zu wollen, was heute als richtig erscheint, ist noch schwieriger. deshalb möchte ich das wort an herrn leo geben, der in sachen ostdeutsch sein quasi fachexperte (hihi) ist, mit "stasi und hasi".

in mancher weise ist herr holm sehr wohl ein opfer.

 
Ich möchte daran erinnern, dass Andrej Holm sich am 1. September 1989 zu diesem Schritt entschloss - da war in Ungarn schon das paneuropäische Picknick gewesen und die Leute hauten schon scharenweise ab. Und wie schreibt Herr Klagefall - gebürtiger Ostdeutscher, also auch ein Fachexperte - so treffend:

Offizier des MfS war in etwa das Heftigste, was man anstreben konnte und es wimmelte im Sommer 1989 nicht gerade von jungen Männern, die das werden wollten. Spätestens im Juni, als Egon Krenz im Fernsehen sagte, auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking sei lediglich die Ordnung wiederhergestellt worden, wusste jeder denkende Mensch, worauf er sich einlässt. (...) »Ich hatte nicht den Mut, unter diesen Voraussetzungen andere Wege zu gehen«, sagt Andrej Holm und verweist implizit auf eine nicht näher bezeichnete Drucksituation, auf die Verhältnisse. So als ob es nicht seine eigene Entscheidung gewesen wäre, in diesem zerbröselnden Staat zum MfS zu gehen, während jedes Jahr ein Haufen Abiturienten die Bewerbung zum NVA-Offizier zurückzog. Das hätte sicherlich den begehrten Studienplatz gekostet, der mit einer Zwei im Abitur nicht zu haben gewesen wäre (...)

Er kam aus eine Stasi-Familie und hatte entweder nicht den Mumm, sich seinem Vater zu widersetzen oder glaubte selbst daran. Warum hat er dann nicht später dazu gestanden, sondern stattdessen gelogen? Erinnerungslücken, my ass. Das kann er seiner Oma erzählen, vielleicht glaubt die ihm das. Er hat das typische Verhaltensmuster ehemaliger Stasi-Mitarbeiter an den Tag gelegt, als der Stein ins Rollen kam.

Und wie dumm muss man eigentlich sein, zu glauben, dass eine Vergangenheit als ehemals hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter nicht herauskommt, wenn er sich zum Staatssekretär berufen lässt?
 
ich hatte auch beschrieben, daß der september 89 alles andere als ein normaler, irgendein anderer september war. und wahrscheinlich haben sich im september 89 normalerweise viele gefragt, warum sie da waren, wo sie waren und nicht in prag oder anderswo. offensichtlich nicht alle. auch, weil sich niemand die weitere entwicklung vorstellen konnte.

so wie man sich die "nicht näher bezeichnet drucksitiation" nicht vorstellen kann, selbst wenn sie uns nicht nachvollziehbar erscheinen. sowenig auch wie ihr "er kam aus einer stasi-familie" und "er hat hat typische verhaltensmuster".

ich verkürze das mit absicht so, weil allein sein persönliches vergehen so zu betrachten ist. und, nach gängigem demokratieverstädnis, muß uns das nicht mal gefallen.
 
Viele in der DDR mögen sich im September 1989 gefragt haben, warum sie da waren, wo sie waren und nicht in Prag oder anderswo - aber nur wenige junge Leute haben am 1. September 1989 eine Karriere als Offizier der Staatssicherheit begonnen. Das ist der Unterschied. So wie auch die Mehrheit der Leute dem Versuch der Staatssicherheit, sie als IM anzuwerben, widerstanden hat. Herr Klagefall hat schön beschrieben wie.

Holms Vater war bei der Staatssicherheit, und das bestimmt nicht nur, weil er gute Bücher lesen wollte, an die sonst nicht immer so leicht heranzukommen war. Und ganz so offen wie Andrej Holm nun behauptet war sein Umgang mit seiner Stasi-Vergangenheit ja nun nicht, wenn er "vergessen" hat, das im Fragebogen der HU anzugeben. Auch dieses anfängliche Gedruckse und dieses "ich habe keinem geschadet" hat man schon von anderen ehemaligen offziellen und inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern gehört. Im Übrigen muss man als Stasi-Mitarbeiter niemanden nach Bautzen gebracht haben, um jemanden mit seiner Arbeit zu schaden.

Die Stasi am Küchentisch
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update: 2017.06.25, 23:15
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